Rassismus heißt nicht nur Schwarz/Weiß oder verschiedene Wurzeln

Diskriminierung geschieht keineswegs nur bei Rasse und Hautfarbe – im Workshop wurden die Kriterien gesammelt Christine Ziesecke

Antirassismus-Workshops und Konzertlesungen - von Heide in Holstein bis Augsburg im Süden

Morgens ein Antirassismus-Workshop für Haupt- und Ehrenamtliche aller Kirchengemeinden, abends eine Konzertlesung – dieses Doppelpack rund um das Thema „Umgang mit Rassismus“ tourt derzeit durch Deutschland und war nun in Ober-Roden und Babenhausen zu Gast. Der Konzertlesung „Jesus ist nicht schwarz-weiss – Gespräche, Lieder und Geschichten am Küchentisch“ mit Judy Bailey, Sarah Vecera und Patrick Depuhl in der Stadtkirche Babenhausen war ein gut dreistündiger Antirassismus-Workshop mit dem Referententeam Thea Hummel und Julian Elf von der Vereinigten Evangelischen Mission VEM im Gemeindesaal in Ober-Roden vorausgegangen. Eingeladen waren Haupt- und Ehrenamtliche der Dekanate Dreieich-Rodgau sowie Odenwald. Die Teilnehmenden erkundeten dabei, wann Rassismus entstanden ist und wie er unser Denken und Handeln beeinflusst, und entwickelten konkrete Handlungsmöglichkeiten für ein antirassistisches Miteinander.

„Antirassismusarbeit ist nicht nur eine Sache des Kopfes, sondern vor allem auch eine des Herzens.“ Doch auch differenziertes Hintergrundwissen und vor allem auch persönliche Perspektiven kamen dabei ins Gespräch. Die Pfarrerinnen der beiden benachbarten Dekanate Dreieich-Rodgau sowie Vorder Odenwald, Sandra Scholz und Margit Binz, deren Schwerpunkte Ökumene und gesellschaftliche Verantwortung sind, konnten rund 20 Teilnehmende begrüßen, darunter auch mehrere Ehrenamtliche aus der Rödermärker Gemeinde. „Ich habe erstmals eine solche Veranstaltung mit einer offenen Zielgruppe erlebt und war sehr positiv überrascht, unter anderem über die sieben teilnehmenden Ehrenamtlichen, überwiegend aus Rödermark.“ Und sie zog eine Bilanz: „Es war viel Raum für unterschiedliche Meinungen und es konnten alle Fragen gestellt werden. Es ergaben sich viele Diskussionen, und trotz der unterschiedlichen Wissensstände gabs ein offenes und lebhaftes Interagieren.“

Aus den Reihen der hauptamtliche Kirchenmitarbeiter war danach Gemeindepädagogin Mairine Luttrell aus dem Dekanat Dreieich-Rodgau mit Schwerpunkt Rödermark ausgesprochen positiv überrascht, vor allem über den generationenübergreifenden vielen Teilnehmenden. „Es ist ein Thema, bei dem Emotionen hochkommen. Gerade bei einigen der älteren Generation war ich schon beeindruckt, wie klar sie sich geäußert haben – so etwa eine Dame, die erzählt hat, dass ihre Eltern Nazis waren und dass dies tief sitzt bei ihr, dass sie aber so gerne lernen möchte und dass sie dabei ist, um zu verstehen. „In Deutschland ist es extrem schwierig über Rassismus zu sprechen, weil immer Assoziationen zum Nationalsozialismus im Hinterkopf sind“, sagt Mairine Luttrell. „Dabei ist Rassismus ja nur ein Teilaspekt. Intersektionalismus ist ein Konzept, das die Überschneidung und Wechselwirkung verschiedener sozialer Identitäten und Diskriminierungsformen beschreibt – da wird es sehr komplex.“ Im Gespräch bleiben, zuhören, Fragen in den Raum stellen und zulassen – das sind einige der trainierbaren Möglichkeiten, im Gespräch diesen Konflikten näher zu kommen.

Bei Andreas Bürgam, einem der teilnehmenden Ehrenamtlichen der Evangelischen Kirchengemeinden Rödermark und da auch Kirchenvorsteher, blieb sehr nachdenklich zurück: „Mir ist dabei erst einmal die Komplexität von Rassismus klar geworden. Er begleitet uns geschichtlich seit 500 Jahren, seit dem Sklavenhandel, und hat mit Machtverhältnissen zu tun. Doch auch unbewusst kann er uns beeinflussen, da wir ja alle aus dieser Geschichte entstammen. Wir haben uns ganz viele Fotos angeschaut, von Kinderbüchern, wo etwa bei ‚TKKG‘ der frühere dunkelhäutige ‚Tarzan‘ inzwischen zu einem hellhäutigen ‚Tim‘ mutiert ist oder selbst bei kirchlichen Berichten die Bildunterschriften – vielleicht unbewusst oder sogar wohlmeinend – eindeutige Abstufungen beinhalten.“ Andreas Bürgam fühlt sich durch den Workshop motiviert, sich mehr Gedanken zu machen: „Ich habe mich selbst dabei erwischt, dass vieles an meiner Betrachtungsweise aus meiner Erziehung heraus kommt.“

Christine Ziesecke